Fotografen haben aber kein schlechtes Leben!

Die einen verfolgen mich aktiv auf Social media, die anderen eher weniger.
Gruselig wird es meistens erst, wenn jemand den du vorher nicht kanntest „Wusst‘ ich schon“ sagt.
Ja, so ist es mit Social Media. Während meine Freunde total genervt davon sind, dass sie einige Sachen über meine Instastory erfahren, finden es die Leute, die mich nicht persönlich kennen, mega cool.
Es ist unglaublich, wie oft ich auf Hochzeiten, auf der Straße oder sonst wo auf meine Arbeit angesprochen werde. „Ich find’s total cool, was du da machst! Das alles mit Kind und alleine, du hast meinen höchsten Respekt!“

Social media ist harte Arbeit – Für mich ein fulltime Job.

Am vergangenen Wochenende kam ich auf einer Hochzeit beim Abendessen mit einigen Gästen ins Gespräch.
Nachdem mir die Damen am Tisch interessiert Fragen stellten und meine Instagram-Profile anschauten, war einer von den Herren total genervt von dem Thema „Social Media“. Er konnte garnicht nachvollziehen, wieso Prominente und Unternehmen so reißerisch posten. Das würde ihn ja alles garnicht interessieren.
Bei mir gehen dann sofort die Alarmglocken an. Wusstest du, dass Promis, Unternehmen, Selbstständige etc. Social Media beruflich und nicht zum Spaß nutzen? Die Konkurrenz schläft nicht. Du musst immer aktiv sein, um im Gespräch zu bleiben.

Es ist jedes Mal das Selbe. Du sitzt am Esstisch, willst eigentlich nur eine kleine Pause machen und dann kommt er wieder. Dieser eine Satz, den du schon x Mal gehört hast:
„Fotografen haben ja kein schlechtes Leben“.

Ich bin jedes Mal wieder erstaunt darüber, was für eine Wahrnehmung die Menschen haben.
Sie sehen uns nur ein bisschen „Knipsen“ und essen und denken, unsere Arbeit ist erledigt.
Dass wir mit unseren Kunden (ich rede jetzt speziell von Hochzeiten) vorher länger Mailkontakt/ Telefonkontakt haben und sie bis zum Ende des Auftrages betreuen, wird nicht gesehen. Dass wir uns zum Vorgespräch treffen, weiß meistens auch niemand.
Die Zeit, die wir investieren, wird gekonnt ignoriert. Alles was die anderen sehen, ist das „Geknipse“ wie es so oft ausgedrückt wird.
Die Arbeit von uns Fotografen endet nicht, wenn wir die Party verlassen. Die Arbeit beginnt dann erst so richtig. Denn wir müssen die Bilder sichern, sichten und bearbeiten. Meistens bekommen die Kunden eine Onlinegalerie/ Downloadlink. Ja, auch das kostet Zeit. Der Auftrag wird erst abgeschlossen, wenn ich die Bilder gedruckt habe, die CD gebrannt ist und ich alles in einen Briefumschlag gepackt und verschickt habe. DANN erst liebe Freunde, ist meine Arbeit zu Ende.
Nur, weil wir auf Hochzeiten mitessen dürfen, haben wir noch lange kein gutes Leben. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir Fotografen es ziemlich schwer. Es gibt mehr als genug von ihnen. Mal abgesehen davon denkt mittlerweile jeder der eine Kamera besitzt, er könnte das, was Profis können auch. Erst am Sonntag brachte der Vater eines Mitspielers von Lionel seine Kamera mit und wollte, dass ich ihm den manuellen Modus erkläre. Ich habe mehrmals versucht ihm beizubringen, dass ich das nicht in fünf Minuten kann. „Kannst du mir nicht die Kamera einstellen, ich fotografiere die ganze Zeit im Automatikmodus“
„Ich kann sie dir nicht einfach einstellen, du musst die Kamera jedes mal umstellen, das ist Licht- und Situations
abhängig. Das ist Übungssache und das lernst du nicht von heute auf morgen“

Mamma mia, ich habe diesen Käse nicht aus Spaß oder umsonst 3,5 Jahre studiert. Dieses Studium war nervenaufreibend, teuer und zeitaufwändig!

Am liebsten würde ich dann meistens laut losbrüllen und das alles sagen. Tue ich aber natürlich nicht.
Ich nehme solche Sprüche allerdings auch nicht hin. Vor allem nicht dann, wenn jemand sagt, dass er genervt von Social Media ist und er nicht versteht, wieso man so viel preisgibt und dauernd über sein Leben erzählt. Die Leute wissen es einfach nicht besser und wenn sie solche Themen starten, erwarten sie von mir nicht, dass ich ja und Amen sage.

Neben meiner fotografischen Tätigkeit bin ich auch noch Bloggerin. Mal finde ich mehr Zeit, mal weniger. Die letzten Monate war es für mich nicht einfach, regelmäßig zu Bloggen. Neben der Arbeit, dem Umzug in eine Stadt, die 120 km von meinem alten Wohnort entfernt liegt, meiner Diplomprüfung und der Einschulung meines Kindes blieb mir einfach kaum Zeit. Ein Chaos, das man erst lernen muss zu beherrschen. Noch ist hier keine richtige Ordnung reingekommen, aber ich arbeite hart daran. Wenn mein Sohn früh morgens zur Schule geht, beginnt mein Arbeitstag. Ich beantworte Mails, arbeite Kundenaufträge ab, versuche auf  jedem Instagram-Account und in Facebook zu posten und stelle mich anschließend in die Küche, damit mein Sohn warmes Essen auf dem Tisch hat, wenn er nach Hause kommt. Neben all diesen alltäglichen Dingen, steht auch noch mein erstes Foto-Event an, dass ich seit einem Jahr GANZ ALLEINE plane und organisiere.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal den Boden meines Wäschekorbs gesehen habe. Kaum bin ich mit einer Sache fertig, wartet die nächste Aufgabe auf mich. Die letzten vier Wochen war ich quasi durchgehend krank, weil ich nicht einmal Zeit hatte, um auszukurieren. Wie auch, wenn du selbstständig bist?
„Fotografen haben aber kein schlechtes Leben!“

Als Selbstständige kann ich mich nicht eben mal krankschreiben. Wenn ich krank bin und nicht arbeite, erledigt niemand anderes die Arbeit für mich. Der Stapel wird größer. Mal abgesehen davon: Wenn du krank bist und eine Hochzeit nicht fotografieren kannst, wirst du dann bezahlt? Nein. Mir ist es zum Glück noch nie passiert, dass ich eine Hochzeit absagen musste, auch wenn ich am Samstag wirklich überlegt habe, ob ich einen Ersatz für mich suchen soll/muss.
Es war 5.30 Uhr morgens und ich war bei dem Höhepunkt meiner Sommergrippe angelangt. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Halsschmerzen, Husten und nicht zu vergessen: KEINE Stimme!

Es war ein Kampf mit der Zeit, das kann ich euch sagen. Um 14.00 Uhr war der Beginn der kirchlichen Trauung und ich hatte noch über 100 km Fahrt vor mir.
Nachdem ich duschte und drei Tabletten einwarf, konnte ich gerade so stehen. Ich hätte das meinem Brautpaar niemals antun können.
Dennoch ein Ratschlag von mir: Seht andere Fotografen nicht als Konkurrenten! Man steckt nicht mit drin. Wenn man aus was für Gründen auch immer nicht anwesend sein kann, muss man Ersatz auftreiben können – das ist das Mindeste. Niemand kann dir sagen, ob du (GOTT BEWAHRE!) im Krankenhaus landest. Was machst du dann? „Sorry, kann nicht kommen. Lieg im Krankenhaus. Schönen Tag euch.“
Ist nicht. Auch wenn ich nicht abgesagt habe, war ich insgeheim froh, dass ich im Notfall auf ganz viele Freunde hätte zurückgreifen können.

Fotografen wie ich haben einen fulltime Job, auch wenn ihr die ganze Arbeit, die wir investieren nicht seht. Bevor ihr nächstes mal diesen Satz ausprecht, solltet ihr an meine Worte denken. Das betrifft auch ganz viele andere Branchen. Mehr Gespräche suchen, mehr hinterfragen. Weniger urteilen.

Mein Wort zum Mittwoch.

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2 Kommentare

  1. Starke Worte und schön geschrieben. Ich bin leider noch nicht in der Situation, dass ich sagen kann „Ich bin selbstständiger Fotograf“. Bei mir läuft das alles noch nebenher – eigentlicher Job, Fotografie, Familie, Weiterbildung etc. Dann noch, so wie du sagst, all die Vorgespräche, die Bildbearbeitung, Fotos in die Galerie laden, Bildauswahl etc. kommt natürlich alles noch dazu. Ich bin mit Sicherheit von der Qualität der Bilder noch nicht da, wo andere sind, aber dafür mache ich es gerne. Stecke jede freie Minute rein, versuche besser zu werden und und und. Dann bekommst du aber immer wieder ähnliche Sätze vor den Latz geknallt, wie du das oben beschrieben hast. Dennoch darf man sich nicht unterkriegen lassen. Weitermachen, Spaß an der Sache haben, denn es gibt immer noch Menschen, die die Arbeit lieben, die man macht und wertschätzen. LG Andi

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