Glaubst du an das Schicksal?

Hand auf’s Herz: Glaubst du an das Schicksal? Glaubst du an Ereignisse, die unser Leben entscheidend beeinflussen, ohne, dass wir daran etwas ändern können?
Ich schon.

Ich fange von vorne an. Ich habe in den letzten Wochen immer wieder mit mir gerungen. Soll ich darüber schreiben oder soll ich nicht? Gehört das hier her? Will das überhaupt jemand lesen? Irgendwie fühle ich mich dazu verpflichtet, auch mal ernste Themen anzusprechen um euch zu zeigen, dass auch ich ein Mensch aus Fleisch und Blut bin. Ein Mensch, bei dem so einiges schief läuft.

Als ich vor 10,5 Jahren als Stadtkind von Frankfurt am Main nach Groß-Umstadt zog, änderte sich mein Leben Schlag auf Schlag.
Neues Zu Hause, neue „Stadt“ (von einer Stadt mit über 700.000 Einwohnern in eine Stadt mit rund 20.000 Einwohnern), neue Schule, neue Freunde, u.u.u.!
Das war damals nicht einfach für mich. Ich war gerade 15 Jahre alt geworden und musste mein komplettes Leben umkrempeln. Kurz darauf lernte ich einen jungen Mann kennen, der nach vier Jahren Beziehung auch der Vater meines mittlerweile 6,5 Jahre alten Sohnes wurde.
Ich wollte eigentlich immer zurück nach Frankfurt, das stand für mich jahrelang fest. Als ich ihn kennenlernte und wir unsere kleine Familie gründeten, war es mir plötzlich egal, dass ich in dieser kleinen Stadt, der Weininsel wohnte. Ich dachte damals immer, ich sei glücklich, aber wer weiß das in diesen jungen Jahren schon?

Wir waren sieben Jahre ein Paar. Dann der Schock: Ich wurde verlassen. Für mich war all das total überraschend. Ich konnte es nicht verstehen. Plötzlich stand die Welt still und ich wusste nicht wohin mit mir. Wir hatten gerade beide unser Abitur absolviert und ich begann mein Studium.
Nach drei gemeinsamen Jahren in einer Wohnung musste ich mich daran gewöhnen, ganz alleine mit meinem Kind zu leben. Die ersten Tage alleine in dem großen Bett zu schlafen waren nicht einfach. Ich wurde nachts wach, griff nach links und spürte…nichts. Da war niemand mehr. Wochenlang wurde ich nachts wach und fing an zu weinen. Wie oft mein Sohn ins Bett gekrochen kam und mich fragte, wo Papa sei. Erklär das mal einem drei jährigem Kind.

Mir fiel die Decke auf den Kopf. Die Wohnung, die wir gemeinsam einrichteten war für mich nur noch ein Loch. Sie machte mich müde. Ich fühlte mich nicht mehr wohl. Weder in der Wohnung, noch in der Stadt.
Ich wollte weg, aber es ging nicht.

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als er sagte:
„Versprich mir, dass du das Studium durchziehst. Das wird eine harte Zeit, aber ich weiß, dass wir das packen!

Ein Versprechen, dass ich niemals brechen wollte. Nach der Trennung war die Zeit im Studium für mich noch härter, als sie ohnehin schon war. Ich brachte jeden Morgen meinen Sohn in den Kindergarten, fuhr mit dem Bus in die Uni und hatte bis 17.00 Uhr Kurse. Als ich zu Hause ankam, konnte ich gerade mal eine Stunde mit meinem Kind verbringen, bis es wieder ins Bett musste. Ich weiß noch genau, wie es mir in den ersten drei Monaten meines Studiums ging. Ich konnte bzw. wollte mit niemandem reden. Ich war zwar im Raum, meine Gedanken allerdings nicht. Meine Kommilitonen dachten, ich sei dumm oder schüchtern, weil ich mit nie mit jemandem sprach und mich nur mit meinem Handy beschäftigte. Ich weiß sogar noch, dass eine mal sagte: „Ach nee, die Désirée ist langweilig, die hängt ja immer nur am Handy“
Was antwortest du in so einem Moment? „Jo, wir können gerne tauschen. Dreijähriges Kind, Wohnung, Trennung, Studium. Und das mit 21 Jahren. Ich habe natürlich nicht geantwortet und so getan, als hätte ich das nicht gehört. Sollten sie denken, was sie wollen.

Ich weiß ganz genau, dass sie dachten, ich hätte nichts in der Birne. Sie dachten sie wären die klügsten und talentiertesten. Ich konnte zu dieser Zeit einfach nicht klar denken und deswegen beteiligte ich mich auch echt wenig, was rückblickend natürlich total dumm war.
Naja, meine Genugtuung habe ich jetzt, wo es um die Wurst geht. Denn die meisten Leute, die so von mir dachten, hängen einige Semester dran oder haben abgebrochen. Und ich? Ich bekomme diese Woche mein Zeugnis und schließe mein Studium ab. Es war eine harte Zeit, aber ich habe es geschafft und ich glaube nicht, dass man mir es verübeln kann, wenn ich sage, dass ich darauf wahnsinnig stolz bin.

Für mich stand nach der Trennung fest, dass ich umziehen muss. Um glücklich zu sein, bzw. glücklich zu werden, muss ich diesen Ort verlassen. Damals war das natürlich wegen meines Studiums nicht möglich,
da meine Kurse zu den unmöglichsten Zeiten stattfanden, war ich auf die Hilfe meiner Familie angewiesen.

„Im letzten Semester meines Studiums werde ich umziehen!“

Das war ein Ziel, dass ich mir vor 3,5 Jahren gesetzt hatte und als der Januar dann rum war, wurde ich nachdenklich. Frankfurt? Willst du wirklich zurück? Jahrelang wollte ich wieder in meine Heimat zurück. Nachdem ich im vergangenen Jahr wegen meines Praktikums jeden Tag nach Frankfurt zur Arbeit musste, bekam ich ein anderes Bild von dieser Stadt. Ich wuchs in Sachsenhausen auf. Direkt am Main, am Museumsufer. Irgendwie nahm ich damals nur die schönen Seiten wahr. Meine Eltern hielten mich von all dem Leid und all der Negativität der Stadt fern. Ein angesehenes Viertel, ein gutes Gymnasium… Nein, ich fand Frankfurt schön. Während meinem Praktikum änderte sich die Sichtweile auf einmal komplett. Drogen, schlechte Luft und Hektik. Eine Stadt, die im Fokus liegt. Die Werbeagentur, in der ich arbeitete, befand sich direkt am Hauptbahnhof, mitten in der Skyline. Als im vergangenen Jahr ein Terroranschlag nach dem nächsten vonstatten ging, wurde ich ängstlich.

– Kopfhörer im Ohr, Lied wechseln. Nächste Haltestelle: Frankfurt am Main, Hauptbahnhof. Aussteigen. Irgendwie ist heute alles anders. Es ist still. Wieso bewegen sich alle so langsam? Bewege ich mich langsam? Mir ist schlecht. Mama arbeitet am Flughafen. Wenn irgendwo in Frankfurt etwas passiert, dann hier oder am Flughafen. Ich habe Angst. Wieso läuft hier alles in Zeitlupe ab? Der Mann sieht gruselig aus. Wieso schaut er mich an? Nein, Dési. Du bist keine Frau, die den Klischees verfällt. Hör auf damit. Ich will nicht zurück nach Frankfurt. Ich habe ein Kind. Lionel soll in einer schönen, sicheren Umgebung aufwachsen. –

… und dann war Februar und ich sprach mit meiner Freundin Nicole über mein Vorhaben. Ich muss umziehen. Auch sie war unglücklich in ihrer Wohnung. Nachdem sie eine Wohnung fand, vermittelte sie auch mir eine. Im selben Haus, 100 km von meinem aktuellen Wohnort. Alles schien perfekt und endlich lief mal alles wie am Schnürchen. Mein Vermieter kam mir sympathisch vor. Er ließ mich den Mietvertrag unterschreiben und ich kündigte meine Wohnung. Weil dort keine Einbauküche war und ich einige neue Möbel brauchte, kam das nächste Problem auf. Wie zur Hölle soll ich das alles bezahlen? Klar, Ratenzahlung ist möglich, aber du kannst doch nicht in fünf verschiedenen Möbelhäusern in Raten zahlen.
Also kam nur eine Lösung in Frage: Kredit anfordern.
Als Studentin und selbstständige gar nicht so einfach. Als ich freitags mit Nicole durch die Stadt lief bekam ich einen Anruf von der Bank, dass alles auf „grün“ stehen würde. Ich dachte ich spinne und freute mich total, eine Sorge weniger.
Genau.

Zwei Wochen vergingen und plötzlich im Briefkasten die Enttäuschung: „Aufgrund der eingegangenen Unterlagen können wir ihren Antrag leider nicht genehmigen.“

What? Bin ich im falschen Film? Wieso ruft mich jemand an und sagt mir zu und zwei Wochen später bekomme ich plötzlich eine Absage? Das war natürlich nur der Anfang meines Unglücks. Zu diesem Zeitpunkt war die Unterzeichnung meines Mietvertrages schon zwei Monate her.
Eine Woche, nachdem ich den Brief von der Bank öffnete, kam der nächste schockierende Anruf, der mir den Boden unter den Füßen wegriss. Es war mein Vermieter. „Désirée, es gibt schlechte Neuigkeiten. Ich bekomme den aktuellen Mieter nicht aus der Wohnung raus.“

Ich war fassungslos. Ich hatte Meine Wohnung gekündigt, Lionel in der neuen Schule angemeldet und schon alles ausgemessen. Zu diesem Zeitpunkt waren es nur noch vier Wochen bis zum Umzug. Jemand anderes hätte nun gesagt: „Ich klage!“, aber für mich war das nicht die höchste Priorität. Wäre ich alleine, wäre es mir egal gewesen. Ich musste so schnell wie möglich eine neue Wohnung finden, die sich in einer guten Lage befindet. Die Schule sollte fußläufig erreichbar sein und der Preis sollte passen. Für ich begann eine fürchterliche Zeit. Ich suchte ununterbrochen nach Wohnungen im Netz. Klar, gab es viele Wohnungen in dem Kreis, in dem ich suchte, allerdings wollte ich diesmal keine „Übergangslösung“ beziehen, ich wollte mich direkt wohlfühlen. Mir war es so wichtig, endlich „anzukommen“.
Ich besichtigte insgesamt sieben Wohnungen. 1400 Km legte ich dafür zurück, alles innerhalb von 14 Tagen. Wäre mein Kopf frei gewesen, wäre es die eine Sache gewesen. Nebenbei musste ich noch mein Diplom schaukeln und mich um mein Kind kümmern. Wenn du dich dann auch noch verliebst und deine Gefühle nicht erwidert werden: Prost Neujahr!

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was ich denn Böses getan habe, dass mich der liebe Gott so bestraft. Im Hinterkopf immer wieder dieser eine Spruch, der mich mein Leben lang verfolgt: „Everything happens for a reason“.
Diese Sprüche verstehst du aber immer erst im Nachhinein.
Bis auf zwei Wohnungen waren wirklich alle schön. Bei zwei Wohnungen kam ich rein, fand sie schön aber hatte nicht diese Vision… kennt ihr das, wenn ihr sofort wisst, wo ihr was hinstellen würdet? Das hatte ich dort einfach nicht. Ich hatte mich eigentlich notgedrungen schon für eine Wohnung entschieden und dann sah ich abends  im Internet eine total schlecht fotografierte Wohnung, die ich dennoch spannend fand. Kein Bild von der Küche und das Bad nur zur Hälfte fotografiert. Als ich anfragte, befanden sich die Vermieter im Urlaub. Eine Woche musste ich immer wieder an diese Wohnung denken und sagte zu meiner Familie und meinen Freunden: „Naja, die eine Wohnung nehme ich jetzt noch mit.“

Als ich mir einige Tage später die Wohnung ansah, war ich sprachlos. Groß, lichtdurchflutet, wunderschönes Bad UND Einbauküche! Die Küche, die in der Wohnung steht, war exakt die Küche, die ich mir kaufen wollte. Schicksal? Ich glaube schon. Der liebe Gott wollte mich nicht strafen sondern schützen.
Dann hörst du wieder diesen Satz in deinem Kopf: Everything happens for a reason.

  
Ja, das Leben ist eine Achterbahn. Denkt aber immer daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ich habe nun eine wunderschöne Wohnung, kann an einem neuen Ort von null beginnen und werde diese Woche mein Studium beenden.

Ich habe mit 25 Jahren schon so viel erlebt. Ich habe aber auch sehr viel geschafft. Mit diesem Post möchte ich euch einfach nur ermuntern, niemals aufzugeben! Ich wünsche euch eine schöne Woche, eure Dési

Die wunderschönen Blumen habe ich übrigens von Grace Flowerbox bekommen, vielen Dank dafür! Ich bin total verliebt in die Blumen und habe mich wie en kleines Kind darüber gefreut, als sie ankamen!

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4 Kommentare

  1. Liebe Dési,
    Ich verfolge deine Blogposts schon etwas länger und keiner hat mich so mitgerissen, wie dieser. Ich konnte keine Unterbrechung einlegen – habe ausnahmsweise alles an einem Stück gelesen. Warum? Ich fühle mit dir! Ich stecke zwar nicht in der gleichen Situation, aber für mich war es mega schwer mein Abitur zu absolvieren, die Sache mit der Liebe mal ganz außen vor gelassen.. aber seit gut einem Jahr habe ich ein Patenkind, die Mutter ist keine nahe Verwandte, aber ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und sie hat ähnliche Probleme mit ihrem Vermieter wie du – zu wenig Platz und Schimmel im Schlafzimmer mit zwei Kleinkindern und ihr Mann grade voll im Diplom-Stress! Ich habe selbst ein paar Wochen dort gewohnt, um sie zu unterstützen und ich weiß, wieviel Energie es kostet, trotz dem ganzen Stress ein glückliches Kind zu haben. Ich schätze sehr, was du gemeistert hast und beneide dich etwas, dass in deinem Leben ein Ende der schlimmen Phase in Sicht ist! Ich finde es zwar sehr schade, dass du von hier weggezogen bist, weil es einfach cool war jemanden mit so vielen Followern im Ort zu haben, aber ich hoffe, du wirst in Wetzlar endlich glücklich und „kommst an“!
    Ganz liebe Grüße aus Umstadt!

  2. Liebe Desiree…
    Wow einfach stark eine starke Frau! Es gibt auf alle Fälle Schicksal wieso wie was warum passiert!
    Du darfst auf alle Fälle stolz auf dich sein!! Man sollte immer stolz auf sich selber sein das hat auch nicht mit hochnäsig oder eingebildet zu tun oder sonst was. Man DARF zeigen und auch selbst sagen das man stolz ist !
    Du hast einiges hinter dir schlechte Dinge an die man am besten nicht mehr denke sollte aber die dich so gemacht haben wie du heute bist und das ist Gut!!!! Du bist ne klasse Frau.
    Und die guten Dinge auf die man bauen kann sich festhalten kann wie dein Sohn deine Familie und Freunde alles was dich glücklich macht, dieses baut dich auf lässt dich immer weiter machen.
    Toller Blog hat mir richtig gut gefallen.
    War einfach spannend zu lesen und auch einfach geschrieben so das jeder ihn lesen kann.
    Hab einen schönen Abend und viel Spaß in deinem/ euren Reich in eurem Neuen Leben!!!!

  3. Dési, Danke für den Post. Es macht dich unglaublich sympatisch, wenn du uns so tief in dein Leben blicken lässt! Und ich dachte schon, Ich wäre die einzige wo alles schief läuft . Du hast meinen größten Respekt, mit Kind und Studium und und und alles so gut zu schaukeln – wirklich. Lass dich niemals unterkriegen, aber da mache ich mir bei dir keine Sorgen . Bleib wie du bist und mach weiter so, deine Bilder sind wunderschön und absolut mein Geschmack ☺☺😍
    Liebe Grüße von einer Fotografin aus Hannover.

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