Katharina.

Dieses Weib.
Es ist jetzt fast zehn Jahre her, dass wir uns kennen gelernt haben. Niemals werde ich meinen ersten Schultag in der Ernst-Reuter-Schule in Groß-Umstadt vergessen.
Als ich mit 15 Jahren von Frankfurt nach Groß-Umstadt zog, hatte ich unfassbar viel Angst vor meinem ersten Tag in einer neuen Klasse. „Alter, was mache ich wenn ich keine Freunde finde?“

Als ich rein kam, lachten erst mal alle. Das hat mich im ersten Moment natürlich total verunsichert.
Dann sollte ich mich setzen. Irgendwo hinter mir sagte ein Mädchen mit roten Haaren leise:
„Hey, wollen wir in der Pause laufen?“
Ich dachte nur: „Was zur Hölle meint sie mit ‚wollen wir laufen‘!“
Aber ich sagte trotzdem ja, hatte ja nichts zu verlieren.

Als es zur Pause klingelte, stellte sie sich vor: „Hi, ich bin Kathi!“
Wir gingen raus in den Hof. Hof? Das war kein Hof. In der Ernst-Reuter-Schule ist es ein bisschen anders. Man muss sich den Außenbereich wie einen Wohnblock vorstellen. In der Mitte stehen Gebäude und man läuft außen herum, geil oder?

10

Jedenfalls fragte ich sie, wieso alle lachten, als die Tür aufging.
„Naja, es hieß, es kommt ein Mädchen aus Frankfurt zu uns in die Klasse. Wir haben irgendwie mit einem Emo gerechnet. Schwarze Haare, gepierct etc. und dann stand da die kleine Dési neben dem zwei Meter großen Schulleiter.“
Ja, es war echt witzig, welches Bild die Dorfkinder von Frankfurtern hatten. Ich muss aber dazu sagen, dass meine Frankfurter Freunde auch ihre Vorurteile hatten:
„Wetten Dési, du ziehst da hin und die haben noch nicht mal Röhrenjeans?! Die tragen bestimmt noch Miss Vivi Jeans und ein Kino gibt es dort auch nicht. Da ist dann ein Raum mit 20 Stühlen und in der Mitte steht ein Fernseher!“
Ach ja, jetzt wo ich es schreibe muss ich wieder schmunzeln. Herrlich.

Was mir sofort positiv auffiel: An der Bushaltestelle roch es nicht nach Urin. Das ist so ziemlich das schlimmste an jeder Haltestelle in Frankfurt. Egal ob U-Bahn, Bus-Bahnhof oder Straßenbahnhaltestelle… es stinkt nach Pisse.

Ich komme vom Thema ab. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Kathi. Kathi wohnte nur zwei Straßen entfernt von mir, Kaff halt.
Am zweiten Tag wollte mein Vater, dass ich alleine zur Schule laufe. Ich hätte ausrasten können. Ich habe einen Orientierungssinn wie ein Toastbrot. Wie sollte ich bitte direkt am zweiten Tag den Weg zur Schule finden? Kathi war so lieb und holte mich von zu Hause ab. Von diesem Tag an verging fast kein Tag, an dem wir nicht gemeinsam zur Schule und zurück nach Hause liefen. Ihr müsst wissen, Kathi ist früher ein richtiger Morgenmuffel gewesen. Wir haben uns jeden Morgen um 7.25 Uhr an der Kirche getroffen. Jedenfalls wollten wir das…
Dési stand da, guckt auf die Kirchenuhr: 7.20 Uhr. Noch fünf Minuten. 7.25 Uhr. Keine Kathi. 7.30 Uhr. Keine Kathi. 7.35 Uhr. Keine Kathi. November. Kalt. „Ich lauf mal lieber los, in fünf Minuten fängt der Unterricht an.“
Dann saß ich 15 Minuten im Unterricht und der Rotschopf kommt mit bester Laune (Achtung, Ironie) rein: „Wo warst du??“
Ja, ja. So begann der erste Streit von Dési & Kathi.War 
übrigens nicht das einzige Mal, dass wir uns gestritten haben, weil sie immer verpennt hat.

12969333_10204693651780317_470695731_n
Sommer 2007, Stadion, Frankfurt Galaxy

Kathi und ich wurden relativ schnell sehr gute Freunde. Manchmal verbrachten wir Tage miteinander, stritten uns, vertrugen uns wieder. Vor Kathi konnte ich direkt so sein wie ich bin. Ein Freak, mit Leib und Seele. Ich musste mich nicht verstellen, oder darauf achten, dass ich mich gewählt ausdrücke (ja, ich kann mich gewählt ausdrücken, aber ich habe absolut keinen Bock). Das Gute daran war, dass uns die selbe Person ins Hirn geschissen haben muss. Ich meine es ernst. Wir haben immer gesagt, dass ein Mann, der uns nicht krault, sich direkt wieder vom Acker machen kann. Manchmal lagen wir drei Stunden nebeneinander im Bett und haben uns gegenseitig gekrault. Das ist Liebe.

Wir haben jedes Wochenende miteinander verbracht und Pyjama Parties zu zweit veranstaltet. Was wir nie verpasst haben: Virgin Diaries auf Viva. Wer kennt’s noch? Es war so witzig. The next Uri Geller war aber auch der Brüller. Das war der Kerl, bei dem man die kaputten Uhren auf den TV gelegt hat und anschließend funktionierten sie wieder. Ich habe das mal mit meiner Fernbedienung gemacht, weil der eine Knopf nicht ging. danach ging sie wieder.
Kathi hatte so eine Angst, dass sie mit offener Tür pinkeln ging. Hätte ja sein können, dass Vincent Raven durch den Fernseher kommt um sie zu holen. „Echad stein schalosch“.
Er hat Stein im Schloss? Was?
Natürlich ging die Fernbedienung nicht wieder. Ich hatte den falschen Knopf gedrückt. Muss aber zugeben, dass ich kurz geheult habe, weil ich Schiss hatte.

Wenn meine Mutter (jetzt rastet Frau Gehringer wieder aus. Sie sagt immer, dass „Mutter“ sie an Schrauben erinnert) mit uns chillte, war es keine Seltenheit, dass wir um 12.00 Uhr nachts zu Kathi nach Hause liefen, um ihre DVDs zu holen. Ich musste mir „Stomp The Yard“ gefühlt zehn mal angucken, weil sie wie verrückt auf Tanzfilme abfährt.
Ich kann zwar nicht tanzen, aber sie hat mich absolut mit ihrem Rhythmus im Blut angesteckt. Wenn wir miteinander Auto fahren, verwandelt sich ihr Golf in eine Disco. Musik laut, Fenster runter, Wackel mit die Huften, wenn du wackelst mit die Huften, dann mache das schön geschmeidig und säääxyyy!!
Dafür musste sie sich dann aber auch meine Rockmusik anhören. Ja, ich stehe auf Rockmusik, jetzt ist es raus. Dési ist eine Rockröhre.
Mein Markenzeichen waren immer die Chucks, ich habe glaube ich sieben Paare in allen Farben. Natürlich infizierte ich Katharina mit meiner Sucht.
8  6

7

2014 waren wir gemeinsam im Urlaub und wir hatten den witzigsten Streit aller Zeiten. Unser Streit begann wegen einer Fanta. Ja, wegen Fanta.
Wir hatten nichts zu Trinken auf dem Zimmer und Kathi hatte Herpes, oder wie sie es nennen würde: Herby.
Unten in der Lobby gab es einen kleinen Raum mit Snacks und Getränken und wir ließen es uns nicht nehmen, mal vorbei zu schauen. Und dann stand sie da. Einsam und alleine, eine kleine Flasche Fanta Lemon. Oh ja, ich liebe Fanta Lemon. Kathi wollte, dass wir die große Flasche nehmen, woraufhin ich sie anguckte und sagte: „Nee, man! Du hast ’nen Herby und wir haben keine Gläser auf dem Zimmer!“ Während ich das schreibe, muss ich wieder lachen.
Kathi war so wütend, als ich wie ein Egoman zur Kasse lief um mir die kleine Flasche zu kaufen, dass sie mir im Korridor wie eine geistesgestörte hinterherlief und mich zur Sau machte. „Wahnsinn, Dési, Wahnsinn!“ Auf dem Zimmer flogen ca. 10 Minuten die Fetzen und dann war wieder alles gut. Und das alles nur wegen einer kleinen Flasche Fanta und einem Herby.

Ihr zu Liebe habe ich im Urlaub sogar beim scheiss Wasser-Aerobic mitgemacht. Man, ich hasse Sport.
Ich hatte danach so Muskelkater. Ihr könnt euch ja nicht vorstellen, wie anstrengend der Käse war. Das kann man doch nicht Urlaub nennen.
Das Highlight im Urlaub war aber definitiv die Wassermelone. Du denkst so: „Griechenland, geiles Land, geiles Essen.“ Die Wassermelone war noch das beste Essen in unserem Hotel und das, obwohl sie aussah, wie ein vertrockneter Schwamm.
Das war definitiv der Sommer unseres Lebens.

14

Kathi war immer für mich da und umgekehrt war es genau so. Wir können uns die Köpfe einschlagen, uns beleidigen und eine Woche nicht miteinander reden – Irgendwann gibt einer immer nach und schreibt ’ne SMS: „abgeregt?“

1 HederSmall

Freundschaften bestehen aus Geben und Nehmen. Es ist wichtig, dass man jemandem nicht vorhält, was man schon alles für ihn getan hat. Freundschaft ist kein Wettbewerb. Ich kann an einer Hand abzählen, wer meine wahren Freunde sind. Drei Freundinnen, die ich als meine Schwestern bezeichnen könnte. Kathi, Shari und Jutta. Sie waren alle drei immer für mich da, sind mit mir durch dick und dünn gegangen und haben mich nie hängen lassen. Wenn man jung ist, kann man nicht genügend Freunde haben und wenn man älter wird stellt man fest, dass es immer die selben sind, mit denen man sich wohl fühlt.

Dieses Jahr, nach zehn Jahren Freundschaft heiratet Kathi und ich werde eine ihrer Brautjungfern sein. Ich danke Gott vom Herzen, dass er mir so tolle Freundinnen beschert hat. Danke, dass es euch gibt.
Ich liebe euch.

 

3 4

 

 

 

Das könnte dir auch gefallen...

2 Kommentare

  1. Wer so schreibt den muss man lieben 😄
    Und dieser Satz ist schon fast philosophisch und so wahr und ich weiß wovon ich rede: Wenn man jung ist, kann man nicht genügend Freunde haben und wenn man älter wird stellt man fest, dass es immer die selben sind, mit denen man sich wohl fühlt.
    Einstellung, Ausdrucksweise, Schreibe und Fotos: bitte so weiter machen 😊

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.