Mama, kannst du mir bitte helfen, meine Socken anzuziehen?

…und wieder mal gammelt die Wäsche in der Waschmaschine vor sich hin. Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf?
Naja, fangen wir mal lieber ganz von vorne an…

„Oh Gott, ich dachte das geht nur mir so!“
Glaub‘ mir, Du bist mit deinen Problemen NIEMALS alleine. Jedenfalls nicht dann, wenn das „Problem“ ein sechs jähriges Kind ist, das in der Milchzahn-Pubertät steckt.
„Wenn die Zähne wackeln, wackelt die Seele!“
Ein Spruch, der fast jeder Mutter bekannt ist, wenn ihr Kind gerade erst in die Schule gekommen ist.

Glaub‘ mir, mein Morgen fängt genauso beschissen an wie deiner.
7.30 Uhr und mein Wecker klingelt, obwohl ich schon seit über einer Stunde wach bin.

„Nur noch fünf Minuten, dann stehe ich auf…“

Lionel ist ein Frühaufsteher. Von mir hat er das jedenfalls nicht. Man könnte jetzt meinen, dass das Kind schon fertig angezogen ist, wenn ich aufstehe. Ist er aber nicht. Meistens werde ich von seinem Sprint ins Wohnzimmer wach. Man könnte ja irgendetwas verpassen, wenn man um 6.15 Uhr langsam aus dem Kinderzimmer läuft. Na dann rennt man lieber und macht Mama wach, alles andere wäre ja langweilig, nech?

„Lionel, ab ins Bad! Anziehen und Zähne putzen, du musst pünktlich zur Schule.“
„Ich geh‘ erstmal auf’s Klo.“

Ich schwöre euch: das sagt er jeden Morgen. Wieso fällt ihm immer erst ein, dass er auf’s Klo muss, wenn ich ihm sage, dass er sich anziehen soll? Männer!? Naja. Ich zieh mir erstmal ’ne Jogginghose drüber und mache mir mit meinen ungekämmten Haaren einen Dutt (wenn man das überhaupt Dutt nennen kann). Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche, doch das interessiert mich nicht im geringsten. Ich bin selbstständig und für meinen Computer muss ich morgens um 8.00 Uhr nicht gut aussehen.

Nach 25 Minuten spaziert der Herr dann endlich aus dem Bad und sagt folgendes:

„Mama, kannst du mir bitte helfen, meine Socken anzuziehen?“

Meine Antwort lautet wie folgt: „Na klar mein Schätzcheeeen! Alles was dein Herz begehrt, denn dann habe ich meine Ruhe und du deinen Willen! Und selbstverständlich hebe ich alle Klamotten, die du auf den Boden geworfen hast auf, denn wozu bin ich denn sonst da?“

Ähhhh, nein. Natürlich nicht.Ich helfe ihm nicht dabei, seine Socken anzuziehen. Mich wundert es, dass er mich immer noch täglich fragt, ob ich ihm mal dabei helfe. Ich meine, er kennt die Antwort doch schon?
Stark bleiben Dési. Konsequenz ist der Schlüssel zum Ziel. Ich helfe ihm nicht, weil er es kann. Er ist fast sieben Jahre alt. Er hat bloß keine Lust. Auch wenn es noch ein Jahr dauert und ich jeden Morgen die Socken-Diskussion führen muss: Ich weiß genau, dass er es irgendwann sein lässt.
Denn: „Die Erfahrung ist wie die Sonne. Sie lässt die Blüten welken und die Früchte reifen!“


Mädchen und Jungs sind einfach total verschieden und das kann ich so genau beurteilen, weil ich fast acht Jahre alt war, als meine zwei Schwestern (Ja, genau – gleich zwei auf einmal!) auf die Welt kamen. Ich war also schon in der achten Klasse, als sie eingeschult wurden und sich in Lionels Alter befanden.


Irgendwann hat er es endlich geschafft seine Socken selbstständig anzuziehen und das Drama wird fortgesetzt. Schuhe binden, Jacke, Schal und Mütze anziehen… Wir haben schließlich Winter und da kannst du nicht einfach die Flip Flops anziehen und dich auf den Weg machen.
Ich berechne für diese Tortur mittlerweile zehn Minuten, damit wir pünktlich das Haus verlassen können.

Kind sitzt in der Schule und ich kann endlich etwas arbeiten. Wenn man selbstständig ist, gibt es immer etwas zutun. Von dem Haushalt ganz zu schweigen. Wenn der Wohnraum gleichzeitig auch dein Arbeitsraum ist, hat das nicht immer Vorteile. Der Wäscheberg löst sich leider nicht in Luft auf und die Spülmaschine räumt sich auch nicht von selbst aus. „Baahhh! Mach‘ ich später, wenn Lionel aus der Schule zurück ist!“

Schuleaus und ich stehe unten auf dem Hof und warte auf den kleinen Rabauken. Man könnte meinen, dass nun alles gut ist. Ist es aber nicht. Lionel kommt runter und wirft mir schon diesen „einen Blick“ zu. Dieser eine Blick, der mich schon ohne ein Wort seinerseits wissen lässt, dass er wieder mal etwas in seinem Büchlein stehen hat. Eine nette Nachricht von der Lehrerin. Lionel hat etwas angestellt.

Leider hat mein Sohn ein paar Eigenschaften von mir geerbt, mit denen ich schon zu kämpfen hatte. Allerdings hatte ich diese Phase nicht mit 6, sondern mit 14, als ich in der Pubertät war. Er will immer seinen Willen durchsetzen, er lässt sich nicht gerne etwas sagen, er ist sehr temperamentvoll und er brüllt sofort rum, wenn ihm etwas nicht passt.
Alles Eigenschaften die auf den ersten Blick total negativ sind. Wenn man genau hinsieht, sind all diese Eigenschaften aber auch mit positiven verknüpft. Wenn ich nicht so eine willensstarke Persönlichkeit hätte und immer das getan hätte, wozu mir andere geraten haben, dann wäre ich heute nicht da, wo ich nun bin.
Mit sechs Jahren ist das aber alles noch mal ein bisschen komplizierter. Wenn man einem Jungen in diesem Alter versucht zu erklären, dass man sich in der Schule nicht prügelt, weil ein anderer Junge seine Mütze nicht schön findet (so ungefähr), stößt man leider oft auf Unverständnis.

Wir kommen zur Tür rein uns setzen uns gemeinsam an den Tisch. Er sitzt gegenüber von mir und wir schauen uns tief in die Augen. Lionel muss sich das Lachen verkneifen. Neben mir liegt ein Zettel mit einer Strichliste. „Für jeden unangebrachten Lacher gibt es einen Tag länger Fernsehverbot und für jede Lüge einen weiteren Tag Süßigkeiten-Verbot!“
Jetzt habe ich ihn. Er bleibt ernst und ich haue auf den Tisch und erkläre ihm zum 90sten Mal die Schulregeln. Dass währenddessen meine Wäsche in der Waschmaschine gammelt, habe ich natürlich wieder vergessen.
Als ich ihm davon erzähle, dass ich mit 15 gemobbt wurde und mir die erste Träne herunterkullert, bekommt auch er feuchte Augen. Heute versuche ich ihn auf der emotionalen Ebene zu treffen, denn alles andere hat nicht anscheinend noch nicht funktioniert.

Ich sag’s euch: #Dailystruggle. Als Mutter fängt man in solchen Momenten wirklich an, an sich zu zweifeln. Ich bin konsequent und lasse nichts durchgehen. Wenn ich drei Tage Fernsehnverbot ausspreche, dann weiß Lionel genau, dass er den Fernsehen nicht anmachen sollte, weil sonst ein weiterer Tag dazu kommt. Wenn er beim Bäcker gefragt wird, ob er einen Bonbon haben möchte, sagt er schon von sich aus, dass er ihn nicht haben darf, weil er Süßigkeitenverbot hat.
Wo ist also das Problem? Wieso kommt das was man sagt bei Kindern in diesem Alter einfach nicht an?

„Lionel, wo ist dein Schlampermäppchen?“
„Weiß ich nicht, ich habe es schon überall gesucht!“

Das ist jetzt das zweite Mal, dass er das Mäppchen verschlampt hat. Nun macht er dem Namen des Mäppchens alle Ehre. Beim ersten Mal fand er es wieder. Jetzt nicht mehr und was ist die sinnvolle Konsequenz?! Er muss sich von seinem Taschengeld selber ein neues Mäppchen und neue Stifte kaufen damit er den Wert seiner Sachen schätzen lernt. Eine Konsequenz, die mir sehr Leid tut, aber wenn der Herr nicht lernt, auf seine Sachen aufzupassen, bleibt mir wohl nichts anderes übrig.

So oft muss man sich das Gelaber von Eltern oder Freunden, die nichtmal Kinder haben anhören und wenn wir ehrlich sein sollen: Es hängt uns zum Hals raus.

„Sei doch nicht immer so streng“
„Also ich würde das ja so machen, wenn ich ein Kind hätte!“
„Du warst genauso!“

Alles Sätze, die einem nicht weiterhelfen. „Du warst genauso!“ Einer der Sätze, der mich jedes Mal zum überkochen bringt, denn er bringt mir rein garnichts.
Alle Eltern müssen irgendwann durch die Phase ihrer Kinder, in der sie austesten, wie weit sie gehen können.
Bei den einen läuft es total einfach und entspannt und bei den anderen gegenteilig. Wenn man dann nicht konsequent ist, Prost Mahlzeit!

Wieso ich euch das erzähle? Weil ich weiß, dass ganz viele ähnliche Probleme haben. Ich bekomme so oft Nachrichten von meinen Followern, dass es ihnen genauso geht und ich möchte euch sagen: Ihr seid nicht alleine! ABER und jetzt kommt das große Aber: groß werden sie alle! Mit Konsequenz und viel Durchhaltevermögen werden wir diese schwierige Phase alle früher oder später überstehen!
Daran glaube ich ganz fest. Wenn ich sehe, was ich mit meiner Konsequenz alles erreicht habe, dann weiß ich ganz genau, dass auch das irgendwann ein Ende haben wird, auch wenn es mich noch so viele Nerven kostet.

„Mäuschen, geh‘ bitte duschen. Nach dem Essen gehst du Zähne putzen und dann ab ins Bett!“
„Ok, Mama.“

19.00 Uhr. Ich bringe Lionel in’s Bett, decke ihn zu und gebe ihm noch einen Kuss auf die Stirn.
„Ich habe dich sehr lieb Mama, du bist die Beste!“
„Träum schön mein Schatz, ich hab dich auch lieb!“
„Bis morgen, träum‘ schön!“

 

 

 

 

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