„Mami, wieso arbeitest du eigentlich nicht?“

„Mami, wieso gehst du eigentlich nie arbeiten?“
Ja, das fragte mein Sohn Lionel (7,5 Jahre) neulich nach der Schule. 

Hi, Ich bin Dési und bin schon seitdem ich denken kann eine Hartzerin. Nein, Spaß 😀 Ich neige zur Dramatik, sorry.

Wie ich heiße, habt ihr wahrscheinlich schon herausgefunden. Für die Faulen unter euch: Hi, ich bin Désirée Gehringer , geboren wurde ich am 10.11.1991 in Iglesias, Sardinien (Italien).
Ich bin also halb Spaghetto, halb Kartoffel. Gnocco (Pl. Gnocchi) würde es also ganz gut treffen.

Ich war schon immer eine Rebellin und wollte mir von niemandem etwas sagen lassen. Damals machte mir mein rebellisches Dasein wirklich Probleme. Mittlerweile kann ich sagen, dass mein Charakter und mein Selbstbewusstsein mich dorthin gebracht haben, wo ich heute bin (auch wenn ich den ein oder anderen durch meine offene, ehrliche Art  zum Verzweifeln gebracht habe).
Denn wie sagt man so schön? „Die Wahrheit tut einmal weh, aber eine Lüge schmerzt für immer!“
In meinem kurzen Leben habe ich schon so einiges erlebt, das könnt ihr mir glauben.

Heute geht es um den wichtigsten Teil meines Lebens. Meinen Sohn, Lionel.

Ich wurde mit jungen 18 Jahren schwanger. Was damals mehr als normal war (meine Uroma war mit 18 schon lange verheiratet und bekam ihr erstes Kind mit 14!) sorgt in der heutigen Zeit für heftigen Aufruhr. Wenn junge Mütter mit etwas zu kämpfen haben, dann sind es Vorurteile.
Die Medien machen es uns nicht einfacher. Positive Beispiele würden keine guten Einschaltquoten bringen, also werden die negativen Beispiele verfilmt und an den Mann gebracht.

Junge Mütter werden in eine Kiste gesteckt und mit Klischees behaftet, die für mich nicht länger tragbar sind, deswegen möchte ich euch meine Geschichte erzählen und jungen Müttern Mut machen.


Ja, ich wurde mit 18 schwanger. Es war April 2010. Zu dieser Zeit absolvierte ich ein halbjähriges Praktikum in einer Parfümerie.
Bevor ich von der Schwangerschaft wusste, bewarb ich mich an mehreren Schulen, weil ich mich in der Parfümerie unterfordert fühlte. Es machte mir Spaß, war aber nicht das, womit ich mein Leben lang Geld verdienen wollte.
Eine Woche nachdem ich von der Schwangerschaft wusste, bekam ich sogar zwei Zusagen. Mir fiel es nicht schwer, mich für eine Schule zu entscheiden – ich wollte mein Abitur in der Fachrichtung „Gestaltung“ machen. Natürlich wusste ich nicht, wie ich das alles schaffen sollte. Schule mit Kind? Ist das überhaupt möglich?

„Dési, guckst du denn kein TV? Weißt du nicht, wie das endet, wenn jemand so früh ein Kind kriegt?“

Kommentare, die ich bis heute nicht vergessen habe. Sätze, die mich noch heute wütend machen. Vor 20-30 Jahren war es mehr als normal, dass man früh heiratet und früh eine Familie gründet.
Wer denkt, dass im Fernsehen nur die Wahrheit gesprochen wird, der hat meiner Meinung nach einen niedrigen IQ, sorry.
Im Fernsehen dreht sich alles um Einschaltquoten und um Panikmacherei. Schaut doch mal genau hin – Worüber wird mehr berichtet? Positives oder Negatives? Wie auch immer, mein Fernseher wird ausgeschaltet, sobald die Nachrichten beginnen. Ich halte nichts davon und stehe dazu.

„Willst du denn nicht wissen, was in der Welt passiert?“

Wozu? Was bringt es mir? Es interessiert mich nicht. Für mich gehört das nicht zur Allgemeinbildung. Es ist nur unnötiger Ballast, mit welchem ich mich nicht befassen muss.

Ich drifte schon wieder ab. Wo war ich stehen geblieben? Genau, ich bekam einen Schulplatz und wusste nicht weiter.

Es gibt wunderbare Institutionen wie die Pro Familia. Eine Einrichtung, die vor allem Frauen mit Rat und Tat beiseite steht. Ich erinnere mich sehr gerne an meine Beraterin zurück.
Sie nahm mir die Angst, sprach mir Mut zu und setzte sich für mich ein. Ich habe selten jemanden kennengelernt, der sich so für jemanden engagiert.


Als ich „eingeschult“ wurde, war ich noch relativ am Anfang meiner Schwangerschaft. Es muss der 4. oder der 5. Monat gewesen sein.
Ich zögerte nicht und sprach direkt am ersten Schultag mit meinem Klassenlehrer. Er war etwas älter, schlaksig und trug eine Brille. Mein Herz raste, aber ich musste es ihm sagen.

„Na und? Dann gehst du sechs Wochen vorher in den Mutterschutz und kommst nach acht Wochen wieder, wo ist das Problem?“

Puhhh! Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet! Ich ging davon aus, dass er mich geschockt ansieht und mich fragt, wie ich mir das vorstelle, aber dem war nicht so.
Da ich auf einer FOS war, besuchte ich die Schule nur zwei Tage und verbachte die restlichen drei Tage der Woche in meinem Praktikumsbetrieb (das war übrigens die Schule, auf der ich meinen Realschulabschluss erlangte!).
Meine Mitschüler fieberten richtigen mit.  „Dein Bauch ist jede Woche größer!“ Jeder wollte den Bauch streicheln und Lionel’s Tritte spüren.
Es gab eigentlich nur eine Person in meiner Klasse, die mir aufgrund meiner Schwangerschaft negativ in Erinnerung geblieben ist. Ratet, was mit dieser Person passiert ist? Sie wurde schwanger!
Dazu sage ich nur Karma!

Mein Mutterschutz begann irgendwann im November 2010. Als ich Lionel im Arm hielt, konnte ich mein Glück nicht fassen. Wie kann so etwas wunderbares in einem Menschen heranwachsen?
Wer an die sieben Weltwunder glaubt, hat die Geburt eines Kindes noch nicht miterlebt.
Ich habe glaube ich zwei Wochen nur geflennt, weil ich so überwältigt war.

Wie dem auch sei – ich sollte nach acht Wochen wieder in die Schule, brachte es aber einfach nicht über’s Herz. Lionel war so klein und ich wollte ihn zu keiner Tagesmutter geben.
Ich hatte Angst, dass die Tagesmutter seine Bezugsperson wird. Ich wollte doch seine Bezugsperson sein.
Nachdem ich mir wochenlang immer wieder Gedanken machte, fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte meinen Direktor, ob er sich vorstellen könnte, dass ich sowas wie „Elternzeit“ einlege. „Sowas habe ich noch nie gemacht, ich finde diese Idee aber super und würde das gerne unterstützen!“

Ein Jahr Elternzeit für Frau Gehringer.

Immer wieder musste ich mit fiesen Blicken und mit dummen Sprüchen kämpfen. „Meine Mama hat gesagt, dass du sowieso nicht mehr in die Schule gehst!“
Bei vielen Menschen ist der Mund eben schneller als das Hirn. Was diverse Menschen vor rund acht Jahren „nur so“ gesagt haben, hat sich in mein Hirn gebrannt.
Aber soll ich euch etwas sagen? Ich habe mich durch diese Sprüche nicht entmutigen lassen – ganz im Gegenteil. Sie haben mich motiviert, es allen zu zeigen!

Lionel kam an seinem Geburtstag 2012 in den „Spielkreis“ (Einrichtung für Kinder von 1-3 Jahren). Er liebte den Spielkreis vom ersten Tag an und vergoss selbst beim Abschied keine einzige Träne!
Ich bereue es also keine Sekunde, ihn dort hingebracht zu haben. Weil ich 45 Minuten mit dem Bus fahren musste, brachte meine Mama ihn morgens  dorthin und ich holte ihn direkt nach der Schule wieder ab.

2013 machte ich mein Abitur und bewarb mich (nebenbei erwähnt ohne Plan B!) für den Studiengang Kommunikationsdesign.
Ich wurde genommen und beendete in der Regelstudienzeit mein Studium (mit Kind!).
Seit Juli 2017 darf ich mich nun Diplom Designerin schimpfen. Nach meinem Studium wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit.

Ich dachte nur… Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich bin jung und will MEINEN Traum und nicht den eines anderen leben!
Ich bin jetzt seit einem Jahr hauptberuflich Fotografin und habe meine Entscheidung keine Sekunde lang bereut. Ich bin glücklich und kann mir  meine Zeit selber einteilen.
Ich arbeite immer dann, wenn Lionel in der Schule oder bei seinen Großeltern/Vater ist.

Neulich kam er nach der Schule zu mir und fragte mich, wieso ich eigentlich nicht arbeite. Ich war im ersten Moment total geschockt, dass er sowas dachte.
Die anderen Kindern wären ja alle bis abends in der Betreuung oder im Hort, weil die Eltern arbeiten müssen.

Einem so jungen Kind zu erklären, dass man sein eigener Chef ist, ist nicht so einfach. Mittlerweile versteht er denke ich ganz gut, dass ich Fotografin bin und schaut sich auch gerne die Fotos an, die ich mache. Bei tiefgründigeren Foto-Projekten habe ich ihn immer gerne mitgenommen, weil auch er dadurch viel lernen konnte (Vielleicht erinnert sich der ein oder andere von euch noch an meine Kampagne „are you disabled?“).

Lionel erlebt quasi den absoluten Luxus. Eine Mama, die jeden Tag nach der Schule zu Hause ist und Zeit für ihn hat. Eine Mama, die nicht gestresst von der Arbeit kommt, weil der Chef sie mal wieder länger dort behalten hat.

Ich möchte die Vorurteile beiseite schaffen und aufräumen! Das Schubladendenken muss dringend aufhören. Das beziehe ich übrigens nicht nur auf junge Mamis – ich finde, dass die Gesellschaft grundsätzlich damit aufhören sollte, Menschen wegen ihrer Religion, Herkunft, Sexualität oder sonstigen Dingen zu verurteilen.

Klar wird es immer Negativbeispiele geben, aber jeder Mensch hat die Chance verdient, sich zu beweisen.

 

Das war meine Geschichte. Wie ist deine?

 

 

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10 comments

  1. Liebe Dési,
    manchmal möchte ich durch meinen Bildschirm kriechen und dich richtig fest umarmen. Du bist einfach so eine tolle Person und ich liebe es deine Beiträge zu lesen! Die geben so richtig Mut und zeigen, dass man alles schaffen kann. ♥
    Bleib so wie du bist, du bist soo großartig!

  2. Oh Dési,
    deine Blogposts sind einfach die schönsten! Es macht so unglaublich Spaß sie zu lesen und sie bringen einen immer ein wenig zum schmunzeln ☺️ Eine ganz starke Geschichte von einer sehr starken Frau ☺️ Ich finde es toll, wie du anderen Mut machst ♥️

  3. Es gibt so oder so keinen richtigen Zeitpunkt für Kinder, erst recht nicht für Außenstehende, ich bin direkt nach Studienabschluss schwanger geworden und „werde so sowieso keinen Job finden“

  4. Oh wow, der Text hat mich irgendwie richtig berührt. Ich finde es toll, wie du das alles gemeistert hast und du bist deinem Sohn bestimmt eine tolle Mutter und ein großes Vorbild. Ich finde es auch absolut furchtbar, wie mit Schwangerschaften im Teenageralter (wobei man mit 18 ja auch eigentlich offiziell schon erwachsen ist) umgegangen wird. Frauen werden direkt als Asi oder als „zu dumm zum verhüten“ abgestempelt, was ich absolut nicht in Ordnung finde. Aber naja, wessen Bildung von manchen Fernsehsendungen stammt, dem sollte man einfach kein Gehör schenken!
    Liebe Grüße
    Ruth

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