Qualität statt Quantität

„Wie viel kostet eigentlich ein Shooting bei dir? Bekommt man alle Fotos oder nur die, die du bearbeitet hast? Wie viel kostet es, wenn du mehr Bilder bearbeitest? Waaaaas, das kostet soooo viieeeel?“

Fragen über Fragen.
Jeder Fotograf kennt sie. Es sind Fragen, die die meisten Fotografen nicht mehr ertragen können.

Als ich vor fünf Jahren mit der Fotografie anfing, wusste ich nicht, dass ich das eines Tages beruflich machen würde. Damals war das für mich nur ein Hobby.
Irgendwann kamen immer mehr Anfragen und ich hatte fast jedes Wochenende Kunden-Shootings. Damals noch für 30€ !!! Inbegriffen waren natürlich alle Fotos auf CD.
Photoshop hatte ich damals noch nicht. Nö. Also ich hab meine Fotos mit Picasa bearbeitet und ich fand es geil. Bisschen Kontrast hier, bisschen entsättigen da, bisschen Cross drüber – passt.
100 Fotos für 30€.
Die Kunden waren zufrieden und ich hatte meinen Spaß.

2013 machte ich dann mein Vorpraktikum für das Studium bei einem Fotografen und bekam einen kleinen Einblick in die Photoshop-Welt. Scheisse, war dieses Programm geil. Ich lernte die Standard Skills
(Ausbesserungswerkzeug, Stempelwerkzeug etc.) und konnte mir nicht mehr vorstellen, mit einem anderen Programm zu arbeiten. Die Qualität meiner Fotos stieg direkt an, allerdings saß ich auch viel länger an einem Foto. Aus drei Sekunden wurden drei Minuten.
Immer noch ein Witz, wenn ich überlege, wie lange ich mittlerweile an der Retusche eines Fotos sitze.

Nach 5 Jahren Erfahrung sitze ich an der Retusche eines Fotos manchmal bis zu 120 Minuten.
„Was machst du denn so lange??“
Schätzchen, ich drücke nicht nur auf den Auslöser. Kein Model, Kunde oder sonst wer ist so makellos, wie es in der Facebook-Welt scheint. Sie haben alle Pickelchen, Augenschatten oder umvoluminöses Haar.
Ich klatsche nicht lieblos irgendein Preset auf meine Fotos.
Ich bearbeite jedes Foto individuell. Das braucht seine Zeit.

Für viele Menschen ist es unbegreiflich, dass sie nur die bearbeiteten Fotos bekommen.
Ich frage mich immer, was man mit den unbearbeiteten Fotos möchte!?

Bei Hochzeiten kann ich das voll und ganz nachvollziehen. Bei einer Reportage braucht es für mich einfach kein bzw. sehr wenig Photoshop. Viel wichtige ist hier, dass die Emotionen rüberkommen und die sind bei einer Reportage echt und nicht gespielt.

Wenn man ein Portrait-Shooting bei mir macht, sieht die Welt allerdings etwas anders aus. Ich knipse nicht einfach drauf los und hoffe, dass ein gutes Foto dabei ist. Manchmal dauert es drei Minuten, bis ich auf den Auslöser drücke, weil ich erst knipse, wenn jedes Haar liegt, der Blick sitzt und mein Model entspannt ist und das auch wirklich rüber kommt.
Mir ist Authentizität furchtbar wichtig – bei Models, aber auch bei meinen Kunden.
Ich möchte, dass alle entspannt sind und das Gefühl haben, mit einer Freundin unterwegs zu sein.
Wenn die Stimmung beim Shooting geil ist, werden die Bilder auch geil.

Ich kriege immer wieder von meinen befreundeten Fotografen mit, dass sie riesen Ärger mit Models bekommen, weil diese mehr Fotos fordern. Ich bin ehrlich – kann ich einfach nicht verstehen.
Meine Models bekommen manchmal nur zwei bis drei Fotos. Zu mir hat noch nie jemand gesagt: „Bekomme ich noch mehr?“
Ich zähle pro Set ein Foto. Was soll ich mit mehr? Weder ich noch das Model können von einem Set mehr als ein Foto im Portfolio gebrauchen.
Viel wichtiger ist es doch, dass die Qualität stimmt. Lieber sitze ich zwei Stunden an der Bearbeitung eines Fotos und habe dann ein richtig geiles, anstatt fünf Minuten pro Foto zu investieren, nur um meine Mappe mit zehn ähnlichen Bildern zu füllen.

Wie steht ihr zu diesem Thema?
kennt ihr dieses Problem?

 

 

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8 Kommentare

  1. Oh ich kenne das… regt mich total auf. Erst neulich wurde ich nach einem Familienshoot gefragt “ können wir nicht die 100 RAW haben anstatt 10 bearbeitete Fotos das ist uns mehr wert.“ Wieso? Weil ich dem rennenden Kind hinterher gerannt bin und das eine scharfe schöne Bild ist weniger wert als 10 verwackelt nichts sagende? Hab mich auch gefragt was sie mit so viel Bildern wollen…

  2. Ich glaube, dass der Anspruch einfach steigt, je mehr man sich mit Bildern und deren Qualität beschäftigt. Ich war in meinen ersten Shootings als Model auch total begeistert und wollte unbedingt jedes noch so schlecht belichtete Foto haben (obwohl ich die Bilder heute niemandem mehr zumuten wollen würde 😉 ), Das Auge und das Verständnis, wofür die Bilder genutzt werden, müssen einfach erst entstehen – oder zumindest verstanden werden. Aber ich kenne das nur zu gut. Aus einem Shooting retuschiere ich auch äußerst selten mehr als ein Bild. Aber das dann zu meiner vollsten Zufriedenheit.

  3. Ja Desiree, genauso sehe ich das auch….
    Die meisten wissen einfach nicht was ein geiles Bild ausmacht und das wir die Möglichkeit haben durch Photoshop und Lightroom ultrageile Bilder zu zaubern, die es in der realität nie geben würde…

    Du bist echt eine ultra coole Fotografenkollegin 🙂

    Verfolge deine Ziele weiter und ich wünsche dir weiterhin ultra viel Glück, Erfolg und vor allem Gesundheit!

  4. Ja dieses Problem kennen wir sehr gut. Gerade aktuell wieder ein Thema. Es kommt zwar nicht oft vor, ist aber dann doch immer schade. Wir haben die Anzahl die wir bearbeiten sogar in den TFP- Vertrag aufgenommen um diesem Problem entgegen zu wirken. Leider verstehen die meisten absolut nicht was die Bearbeitung ausmacht und geben sich mit unbearbeiteten Bildern auch zufrieden.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at/

  5. Sehe ich mal 100% genauso. Ich bin zwar kein Berufsfotograf, aber der Ablauf ist ja der Gleiche. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und mache je Shooting nur noch ein (max. zwei) Sets. Heißt, dass evtl. nur EIN Foto dabei rauskommt. Und wenn dieses der Burner ist, sollten zumindest alle glücklich sein.
    Übrigens lasse ich auch kein Model mehr bei der Bildauswahl mitreden bzw. nur direkt beim Shooting in der Vorauswahl auf dem Kameradisplay / Laptop.
    Wenn man z.B. alle zur Auswahl in eine Dropbox lädt, suchen die Fotografierten meist unzählige Bilder aus und vor allem meist ähnliche so wie sich das Model SELBST sieht. Und der Sinn ist ja eher ein Bild zu schaffen wie der Fotograf jemanden sieht / interpretiert; die Handschrift und Sichtweise des Fotografen sozusagen.

  6. Hallöchen, ein toller Beitrag. Ich habe diesen Artikel von einem Fotografenkollegen geschickt bekommen. Auch ich merke das es immer weniger Menschen gibt, die bereit sind für professionelle Fotoarbeiten zu bezahlen. Leider wird die Arbeit dahinter nicht gesehen, weil für den Laien es ein Hobby ist, der sich keine Gedanken darüber macht was alles „dazu gehört“. Wir müssen uns auf die Kunden konzentrieren, denen es Wert ist für eine gute Qualität auch anständig zu bezahlen und wir müssen dem Kunden kurz und knapp erklären warum es nicht möglich ist alle Daten raus zugeben. Ich glaube, viele werden es verstehen. Die es nicht verstehen, sind auch nicht unsere Kunden. 🙂

    Viele liebe Grüße,
    Lydia

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