Up and down and up…

Das Leben ist eine Achterbahn. Auch bei mir ging so einiges schief, bis ich endlich auf dem richtigen Weg lief. Glaubst du nicht? Ich fange von vorne an.

Als ich im November 2006 von Frankfurt am Main nach Groß-Umstadt zog, war ich stinksauer. Nicht, weil ich in eine andere Stadt zog, sondern weil ich vom Gymnasium auf die Realschule sollte.
Papa sagte, dass ich zu schlecht in Mathe sei. Fünfen und Sechsen waren bei mir in Mathematik Standard. Wenn ich mal eine vier hatte, feierte ich eine Party (kam selten vor – Kann ich glaube ich sogar an einer Hand abzählen). Papa sagte, dass ich auf dem Gymnasium nur unglücklich werden würde. Schweren Herzens akzeptierte ich seine Entscheidung. Ich hatte so furchtbare Angst vor einer neuen Schule. Nachdem ich meinen Anschluss gefunden hatte (den fand ich glücklicherweise direkt am ersten Tag), verflog die Angst sofort wieder. Für mich stand aber sofort fest: Nach meinem Abschluss gehe ich wieder auf das Gymnasium.

2009 war es dann soweit. Abschluss in der Tasche. Eine Bewerbung für eine Werbeagentur geschrieben, Absage kassiert, geheult. Meine Familie hat mich natürlich ausgelacht und mich gefragt, was ich erwarte. Eine Bewerbung und direkt eine Zusage? Lächerlich. Aber woher hätte klein-Dési das wissen sollen? Ich hatte bis dato nie gearbeitet. Bisschen Zeitungen austragen (insgesamt zwei Monate und nicht mal das habe ich alleine durchgezogen!)  kann man nicht arbeiten nennen. Drecksarbeit. Nie wieder.
Also, sollte wohl noch nicht soweit sein mit dem Arbeiten. Dann wieder zu Plan A: Abitur. Ich bewarb mich an dem staatlichen Gymnasium, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und wurde auch direkt genommen. Taschaka.

Ich freute mich wie ein Honigkuchenpferd. Meine damalige Klassenlehrerin sagte allerdings:
„Desi, du wirst dort nicht glücklich, glaub‘ mir!“
„Pfff…! Als Ob ich mir was sagen lasse! Ich mach‘ was ich will, Sense!“

Jo. Dann waren natürlich erstmal Sommerferien. Damit ich nicht ganz nutzlos zu Hause rum sitzen musste, machte ich einen Ferienjob. Zwei Wochen Betreuerin in einer Spielstadt. Lief bei mir.
Wenn ich so zurückblicke, war ich sowieso voll die Streberin. Ich war fünf Jahre in folge Klassensprecherin, ein Jahr Schulsprecherin, Solosängerin im Chor, Mitglied in der Mediations-Gruppe und ich bereitete als Katechetin eine achtköpfige Gruppe von Kindern auf die Erstkommunion vor. Wo zur Hölle habe ich immer diese ganze Energie hergeholt? Nebenbei hatte ich dann noch Gitarrenunterricht (nein, ich kann nicht mehr spielen!). Keine Ahnung, wie ich das alles unter einen Hut bringen konnte.

Naja, jedenfalls hatte ich nach dem zweiwöchigen Job als Betreuerin noch vier Wochen Ferien, bis die Schule los ging.
Ich freute mich so sehr auf die Schule.
Kaum ging die Schule los, hatte ich keinen Bock mehr. Komische Mitschüler, komische Lehrer und komischer Unterricht.
„Soooo! Die nächsten zwei Wochen machen wir Mathematik auf Englisch!“
„Was? Was hat sie gesagt? Alter!? Ich verstehe es doch nicht mal auf Deutsch, wie soll ich es denn dann auf Englisch verstehen?“

Jeden Tag kam ich nach Hause und pflanzte mich erstmal für ein Mittagsschläfchen auf die Couch. Mama ist natürlich immer ausgerastet, weil man mit mir nach der Schule nichts mehr anfangen konnte, aber ich schwöre es euch, ich konnte nicht mehr. Diese Schule saugte das letzte Stück Energie aus mir raus. Abends setzte ich mich dann immer an meine Hausaufgaben und fing an zu schwitzen, weil ich nichts auf die Reihe bekam. Die Mathehausaufgaben trieben mich in den Wahnsinn. Ich habe glaube ich noch nie so viel geflennt, wie in dieser Zeit. Richtiges Klischee Mädchen.
Chemie war auch mega geil. Nicht. Ich habe Chemie sowieso schon gehasst und dann hatte ich auch noch eine komische Lehrerin, die mich vom ersten Tag an nicht leiden konnte. Ihren Namen habe ich erfolgreich verdrängt. Davor hatten mich die Lehrer/Innen immer geliebt (ich war schließlich immer sozial engagiert!), deswegen war das eine neue Situation für mich, dass mich jemand nicht leiden konnte. Bitte eine Runde Mitleid – danke!

Wir schrieben nach einer Woche in Chemie den ersten Test und ich lernte jeden Tag. Ich war so motiviert. Lernerei war aber für die Katz‘. Einfach nur einen Punkt (Punkte Notensystem).
Ich fing echt an, an meiner Intelligenz zu zweifeln.
Wenn morgens der Wecker klingelte dachte ich nur: „Nein, bitte nicht. Ich will da nicht hin, da sind Menschen!“
War aber nie ’ne Schwänzerin, also bewegte ich meinen Arsch in die Hölle.

In Woche fünf stand dann die erste Englisch Klausur auf dem Plan. Frau B. teilte die Klausur aus und legte uns noch mit Liebe gebackene Muffins mit Schokoglasur auf den Tisch. Da waren sogar Kleeblätter drauf. Eigentlich war ich immer gut in Englisch. Konnte mich nie beklagen. An diesem Tag war aber alles anders. Nach 45 Minuten blickte ich durch den Raum. Meine Mitschüler hatten alle schon eine Seite geschrieben. Ich schaute auf mein Blatt. Name: Désirée Gehringer, Datum: ebenfalls erfolgreich verdrängt.
45 Minuten vergangen und auf meinem Blatt standen nur Name und Datum. Aufgabenstellung zig ma durchgelesen und nur „the“ verstanden, sonst nichts. Dictionary brachte mich auch nicht weiter, an diesem Tag wollte mein Hirn einfach nicht anspringen. Ich meldete mich.
„Frau B., kann ich abgeben?“
„Désirée, wenn du jetzt abgibst, bekommst du aber null Punkte.“
„Jo, ich weiß. Ich komm nicht mehr.“
Entsetzter Blick. Stille. Dési: Ciao Kakao.

Fünf Wochen staatliches Gymnasium. Was ich dann zu Hause gemacht habe, könnt ihr euch ja denken. Rotz‘ und Wasser geheult.
Eine Woche später hatte ich für einen Tag bei einem Floristen gearbeitet. Ebenfalls geschmissen. 1. Unterfordert und 2. lass ich mich nicht für 200 € im Monat herumschubsen. Ja,ja. Ich war schon ein Badgirl!

Ich musste nach diesem ganzen Stress erstmal zwei Wochen hartzen. Hartzen lag mir aber so garnicht, also stellte ich mich bei der Parfümerie vor, die sich in unserem Ort befand. Ich wurde direkt zum Probearbeiten eingeladen und daraufhin für ein halbjähriges Praktikum eingestellt.
Respekt Dési, bekommst du dein Leben vielleicht auch irgendwann mal auf die Reihe?

Ihr werdet es nicht glauben, aber nach einem Monat war ich wieder kurz davor, das Handtuch zu werfen, weil mich meine damalige Kollegin vor Kunden anschrie. Es war so unfassbar peinlich.
Werde ich nie vergessen. Hallo? Ich bin Italienerin. Wenn jemand schreit, dann ja wohl ich. Man, man, man. Jedenfalls haute ich ab, ohne dass meine Kolleginnen es merkten. Ich hatte einen knallroten Kopf. Ich war so wütend.
Da das Ganze während dem  Weihnachtsgeschäft passierte, fiel ihnen erst als der Laden leer war auf, dass ich verschwunden war. Sie dachten die ganze Zeit, dass ich im Keller war. Pustekuchen. Ich saß im Bus und hätte alles kurz und kein hauen können.
Abends kackten meine Eltern mich zusammen und auch von meinem Chef durfte ich mir etwas anhören.Verdient. Ich musste zurecht gestutzt werden. Ich kann mir bis heute nicht erklären, was in dieser Zeit mit mir los war. Rowdy-Dési.

Am nächsten Tag tauchte ich wieder auf der Arbeit auf und setzte mein Praktikum wie gehabt fort. Mein Chef fand mich super, er wollte mich als Azubi übernehmen. Ich wollte aber nicht. Ich wusste einfach, dass das nicht der Job ist, den ich mein Leben lang machen möchte. Das war nicht meine Passion. Ich rannte zu unzähligen Einstellungstests und kassierte eine Absage nach der anderen. War auch kein Wunder, denn ich bewarb mich nur für schnöselige Berufe (Sozialversicherungsfachangestellte, Versicherungskauffrau, etc.)
Irgendwann saß ich verzweifelt auf der Arbeit und meine Kollegin fragte mich, was denn los sei. Ich wusste einfach nichts mit mir anzufangen. Als ich ihr sagte, dass ich überlege, doch mein Abitur zu machen, drückte sie mich fest und sagte: „Désirée, wenn du meine Tochter wärst, würde ich dich dazu zwingen! Mach das!“

Wenige Wochen später kam ein Kunde in den Laden. Er war groß, hatte graue Haare und sah wirklich freundlich aus. Meine Kollegin bediente ihn. Ich wusste nicht wieso, aber sie grinste mich an  und zog mich dann zu sich rüber. „Désirée, das ist mein Freund, der Karl-Heinz!“
Ich dachte nur…: „Ja und weiter??“ „Der Karl-Heinz ist Direktor an einer Schule. So, dann quatscht mal!“
Oh mein Gott. Ich werde nie das Gefühl vergessen, dass ich in diesem Moment empfand. Mir rutschte einfach das Herz direkt in die Hose. Er sprach mit mir und lud mich zu dem Eignungstest an der Fachoberschule ein, den ich glücklicherweise bestand. Ich war unfassbar glücklich. Fachrichtung Gestaltung. Bis dato wusste ich nicht mal, dass diese Fachrichtung existierte.

Bevor ich die Schulausbildung antrat wurde ich schwanger. Diese Geschichte könnt ihr HIER nachlesen.
Als Lionel zur Welt kam, wendete sich das Blatt. Plötzlich hatte alles einen Sinn. Ich hatte einen Grund, mich anzustrengen und glücklich zu sein.
Vielleicht könnt ihr jetzt nachvollziehen, wieso ich immer wieder predige:

LIONEL HAT MICH ZU DEM GEMACHT, WAS ICH HEUTE BIN!

Hättet ihr das von mir gedacht? 😉

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