Würdest du nochmal studieren?

Lange Zeit habt ihr auf diesen Blogpost gewartet. Wieso ich mir so viel Zeit gelassen habe?
Naja, ich wollte mein Studium erst beenden, bevor ich irgendwas schreibe… Verständlich oder?
Ich wurde in den letzten Jahren so oft gefragt, wie ich mein Studium finde, was ich dort so mache und ob ich glücklich damit bin.
Ich werde kein Blatt vor den Mund nehmen und euch wie immer in meine Welt mitnehmen und die letzten 3,5 Jahre für euch Revue passieren lassen.


2013 – nur noch wenige Wochen bis zur Zeugnisübergabe. Endlich Abitur in der Tasche. Was dann? Ausbildung? Studieren?
Einige meiner damaligen Klassenkameradinnen sprachen über den Studiengang „Kommunikationsdesign“ und ich dachte mir, wenn sie sich bewerben, dann habe ich locker das Zeug dazu.
Was genau es mit dem Studiengang auf sich hatte, wusste ich aber ehrlich gesagt nicht. „Hab‘ ja nichts zu verlieren“

Also bewarb ich mich für den Studiengang (KEIN NC!) und bekam nach kurzer Zeit eine Einladung für den Eignungstest. Gefordert wurde eine Mappe mit 15-20 Arbeiten.
Ich zögerte nicht lange und begann mit der Arbeit. Zuerst musste ich mir ein Überthema suchen – ich beschäftigte mich mit Süßigkeiten und Früchten. Wie sollte es auch anders sein? Ich wurde von meinem Sohn dazu inspiriert. Ich habe einen Monat lang jeden Abend, wenn mein Sohn im Bett lag, an meiner Mappe gearbeitet.
Diese Mappe beinhaltete fotografische Arbeiten, Collagen, Skizzen, Zeichnungen, Typografische Arbeiten und Bilder, die ich mit Acryl malte.
Kunst war schon immer mein Lieblingsfach. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, daher wurde mir die Kreativität in die Wiege gelegt.
Für mich war das also keine Arbeit, sondern Spaß.

Die Prüfung fand an zwei Tagen statt.
Am ersten Tag gab es einen Eignungstest, der aus drei Teilen bestand.
Der erste Teil bestand darin, kreativ zu werden. Wir bekamen 90 Minuten Zeit, uns ausserhalb der Hochschule inspirieren zu lassen. An die genaue Aufgabenstellung kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Der zweite Teil war dann etwas entspannter und dauerte auch nur 30 Minuten, wenn ich mich richtig erinnere. Hier sollten wir u.a. persönliche Fragen beantworten. Wer ist dein/e lieblings FotografIn ? Was haben eine Erdnuss und ein Telefon gemeinsam?
Der letzte Teil war eine Bildinterpretation. Das sollten die Abiturienten unter euch eigentlich aus dem Kunstunterricht kennen. Niemand kam an einer Bildinterpretation vorbei und wenn wir ehrlich sind – wir haben sie gehasst, aber nur so könnt ihr zeigen, dass ihr etwas in der Birne habt. Dieser Teil dauerte glaube ich 60 Minuten.

Am zweiten Tag war die Mappenvorlage. Ich kam total overdressed und ich werde einfach niemals vergessen, was ich anhatte.
Ein weißes Top mit Peace-Zeichen, einen blauen Blazer, Jeans und blaue High Heels. Was war nur los mit mir? Die anderen kamen in Jogginghose – wer sollte sich schämen?! Ich oder die in Jogginghose?
Ob sie darauf geachtet haben, weiß ich bis heute nicht.
Bei der Mappenvorlage waren vier weitere Bewerber mit mir im Raum. Jeder von uns hatte zwei Tische und durfte seine Arbeiten auslegen. Ich war unfassbar aufgeregt. Dass ich nicht aus meinen Latschen kippte, grenzte an ein Wunder.
Neben den Bewerbern waren ausserdem drei Dozenten und ein Student anwesend. Sie schauten sich nicht nur die Mappen an, sie stellten uns auch Fragen. Meine Freundin trat ins Fettnäpfchen, als man sie fragte, was sie an der Homepage am Besten fand. Sie war nicht einmal auf der Homepage gewesen und konnte daher auch nicht auf diese Frage antworten.
Macht euch vorher schlau, wenn ihr euch irgendwo bewerbt! Ganz egal, ob es sich um einen Studienplatz oder um eine Ausbildung handelt – Man sollte immer bestens informiert sein.
Bei mir standen teilweise drei Leute gleichzeitig und stellten mir Fragen. Natürlich erwähnte ich auch meinen Sohn.
Sie schickten uns alle raus und ich wurde wieder herein gerufen. „Désirée, rein. Einzelgespräch!“
Oh mein Gott, ich zitterte so sehr.

Du hast gesagt, dass du einen Sohn hast. Ist dir bewusst, dass du gerade in den ersten zwei Semestern von morgens bis abends in der Uni sitzen wirst und viel Arbeit auf dich zukommen wird? Du kommst abends nach Hause und wirst noch Hausaufgaben machen müssen!“
„Wenn ich es nicht ernst meinen würde, dann wäre ich nicht hier.“
„Hast du Familie und Freunde, die dich unterstützen? Willst du das wirklich?“
„Klar will ich das wirklich und ja, habe ich!“
„Dann weißt du ja jetzt, was auf dich zukommen wird!“

Den letzten Satz verstand ich erst, als ich nach einer Woche den Brief von der Hochschule öffnete und eine Zusage bekam.
Ich vergoss etliche Freudentränen. Es gab keinen Plan B. Es musste klappen und es klappte.

In den darauffolgenden Monaten saß ich natürlich nicht Däumchen drehend zu Hause herum.
Ich musste ein sechs wöchiges Vorpraktikum für mein Studium leisten und das absolvierte ich in Bayern.
Jeden Tag fuhr ich mit dem Auto 30 Minuten zur Arbeit, arbeitete 8 Stunden und fuhr anschließend wieder 30 Minuten nach Hause. Für mich waren diese sechs Wochen sehr bereichernd.
Das Fotostudio war rückblickend nicht die beste Wahl, allerdings habe ich viel mitgenommen. Ich habe zum Beispiel gelernt, was ich nicht will und wie man es nicht macht.
Unordnung, Dreck und Kundenbeschwerden standen hier auf der Tagesordnung.
Am Ende meines Praktikums wurde ich gefragt, ob ich denn immer noch Fotografin werden möchte. Meine Antwort? „Na klar!“

Als das Studium begann, war ich erstmal total geschockt. Am Anfang hatte ich das Gefühl wieder in der Schule zu sitzen, dabei wollte ich doch keine Schule mehr haben. Es war schon immer so, dass ich nur das Nötigte tat. Papa meckerte immer, er würde mich ja nie lernen- oder Hausaufgaben machen sehen. Wie auch, wenn er von morgens bis abends auf der Arbeit war!? Ich war so ein Oberstreber. Ich besuchte an drei von fünf Schultagen freiwillige Nachmittagskurse. Den Schulchor, die Mediations AG und die Mathe AG. Außerdem war ich Klassen- und Schulsprecherin und nahm ein halbes Jahr lang Gitarrenunterricht. Meinen Realschulabschluss packte ich mit einem Schnitt von 1,6. Bei meinem Abitur wurde ich allerdings mit einem Schnitt von 3,2 für meine Faulheit bestraft. Ich schiebe es auch nicht auf das Muttersein, denn das wäre eine Lüge und ihr wisst, Lügen ist nicht so mein Ding. Am Anfang, nach meiner Elternzeit, war ich noch super motiviert. Ich lernte, schrieb Einsen und freute mich wieder einen Alltag zu haben und mich mit erwachsenen Menschen und nicht mit einem Baby zu unterhalten. Kinderlose Frauen denken sich nun „Ohaaa, wie kann sie so etwas sagen!“ Aber glaubt mir, jede Mutter kennt dieses Problem. Alle Freundinnen sind arbeiten und niemand hat Zeit. Dann redest du von morgens bis abends nur mit einem Baby. Irgendwann möchte man auch mal tiefgründige Gespräche führen und keinen Arsch abwischen. Hand auf’s Herz: Jede Mutter kennt diesen Struggle.

Nach zwei Monaten Streber-Dasein nistete sich aber mein wahres Ich wieder ein. „Kein Bock zu lernen. Ich mach das einfach einen Tag vor der Klausur.“
Ich wette, jeder zweite von euch prokrastiniert genauso. Morgen, morgen nur nicht heute…
Dieses Phänomen kommt bei mir übrigens nur zum Vorschein, wenn mir jemand anderes Aufgaben gibt. Wenn es meine eigenen Jobs und Aufträge sind, habe ich voll Bock.
Schule war nie mein Ding. Ich bin nicht blöd, ich bin einfach nur mega faul.

Ich bin vom Thema abgekommen… so ein Mist, ich muss erstmal ein paar Zeilen zurückspringen um zu wissen, was ich eigentlich erzählen wollte. Da sind wir wieder beim Thema Prokrastikation. Kaum hat der Blogpost etwas mit Uni zutun, schweife ich vom Thema ab 😀

Naja, jedenfalls hatten wir in der Uni keine riesigen Hörsäle, wie ihr vielleicht denkt. Wir waren Gruppen von 15-20 Personen und hatten die ersten zwei Semester alle Kurse gemeinsam.
Es gab einen Stundenlplan, wie in der Schule. Ein Kurs dauerte drei Stunden. Meistens ging es um 10.00 Uhr los und um 17.00 Uhr war Feierabend.
Ich musste morgens und abends 50 Minuten mit dem Bus fahren. Wenn ich zu Hause ankam, war es schon dunkel und Lionel musste ins Bett. Wirklich viel Zeit blieb mir in den ersten Zwei Semestern nicht mit meinem Sohn.

Viele von euch interessiert sicherlich, was wir für Kurse hatten. Erinnern kann ich mich noch sehr gut an Typografie, Bleisatz, 2&3 dimensionales Gestalten, Digitale Werkzeuge (in diesem Kurs lernten wir mit Programmen wie InDesign umzugehen), Siebdruck, Zeichnen, Fotografie, Kunstgeschichte, Designgeschichte etc.
Ich muss sagen, dass die Qualität der Kurse stark von den Dozenten abhängig war. Klar, bin ich ’ne faule Ratte, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es Dozenten gibt, die meiner Meinung nach inkompetent sind. Nur weil sich einige mit dem Titel „Professor“ schmücken, heißt es nicht, dass der Kurs automatisch besser ist. Oft war das Gegenteil der Fall. Ich habe von den anderen mehr gelernt und hatte dort auch mehr Spaß.
In einem Studium ist es grundsätzlich so, dass man sich das Meiste selber beibringen muss. Für eine faule Ratte wie mich sehr unvorteilhaft. Wenn mich etwas interessiert, dann bilde ich mich gerne weiter. Oft musst du dir aber etwas beibringen, was dir komplett am Arsch vorbei geht…Das ist denke ich überall so.

Ich will euch nicht verraten, wie oft ich geweint habe, weil ich dachte, ich packe das nicht. Kommunikationsdesign zu studieren bedeutet nicht, dass man den ganzen Tag nur malt und bastelt. Man sitzt viel vor dem Rechner, wirklich. Man muss Eigeninitiative ergreifen, man muss kritikfähig sein und man muss lernen, nicht aufzugeben. Ein Spruch, der mir vom ersten Tag an immer im Kopf hängen geblieben ist: „Ihr seid hier, um Sehen zu lernen!“
Und so war es letztendlich auch. Durch mein Studium befasste ich mich intensiver mit Fotografie. Ich wurde tiefgründiger und achtete nicht mehr ausschließlich auf Ästhetik.
In Kursen wie Psychologie befassten wir uns mit Werbung. Ich lernte Poster und Bücher zu gestalten und machte mir intensive Gedanken über Headlines, Textsetzung etc.

Das Studium war anstrengend, ja. Und ja, ich hab‘ manchmal echt gedacht, ich hab‘ keinen Bock mehr und ich schmeiß alles hin. Rückblickend kann ich sagen, dass ich ohne mein Studium ein ganz anderer Mensch wäre. Ohne dieses Studium wüsste ich nicht so viel, wie ich es mittlerweile tue. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, sehe ich ganz viele Sequenzen. Vor meinem inneren Auge spielt sich ein Film ab und ich sehe ganz viele Stunden, in denen ich lernen durfte auf Dinge zu achten, auf die ich von alleine niemals gekommen wäre.

Also wenn mich jemand fragt, ob ich bei Studium bereue, dann kann ich nur mit Nein antworten. Nein, ich bereue es nicht, denn…

 

Everything happens for a reason.

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1 Kommentar

  1. Sehr schöner Post! Auch wenn man am Ende nicht ganz genau in dem Bereich arbeitet, bringt gerade so eine anspruchsvolle Ausbildung viel persönliche Entwicklung find ich. Mir ging es ähnlich mit einer Ausbildung die ich zwar nicht nochmal machen würde, die ich aber auch nicht bereue. Ich finde man lernt zu was man fähig ist in so einer anstregenden Zeit. Das Studium klingt zwar mega toll – ich kann mir jedoch vorstellen wie es dann in echt war. Leider find ich die Ausbildungen bei uns hier alle nicht so ideal. Man lernt wenig fürs Leben und ziemlich viel unnötigen Shit den man eben lernen muss. Am besten noch auswendig. Eigentlich schade das es weniger praxisbezogene Ausbildungen gibt die wirklich Sinn machen. (In einer Lehre kopiert und sortiert man dann halt wieder statt was sinnvolles zu tun)

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at/portfolio-aufbauen-5-tips/

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